Guten Tag, allerseits!
Die meisten von uns beherrschen nicht nur ihre Muttersprache, sondern auch eine oder mehrere Fremdsprachen. Eine Sprache benutzen zu können heißt aber noch nicht zwangsläufig sie auch optimal einsetzen zu können.
Deshalb erweist sich die Beschäftigung mit Grammatik als überaus lohnende geistige Investition. Denn wer die theoretischen Grundlagen der Sprache durchschaut, kann schneller und effizienter formulieren und bringt darüber hinaus den eigenen Standpunkt deutlicher und eindrücklicher vor.
Deshalb will ich mich heute mit einem Phänomen beschäftigen, das einigen vielleicht noch aus dem Lateinunterricht in Erinnerung ist.
Was mich betrifft, so weiß ich noch so einiges aus dem Lateinunterricht, aber, wie ich heute bei einem Blick in den Kalender feststellen mußte, weniger aus dem Religionsunterricht. Heute, am 8. Dezember wird nämlich das katholische Fest "Mariä Empfängnis" gefeiert, und ich war mir zunächst im Unklaren darüber, ob das bedeutet, dass Maria empfangen hat oder aber dass sie empfangen wurde. Und damit wären wir schon bei unserem heutigen Grammatikthema, nämlich dem sogenannten genitivus subiectivus und dem genitivus obiectivus.
Damit hat es folgendes auf sich:
In bestimmten Fällen verbirgt sich hinter einer Genitivkonstruktion ein Aussagesatz. So repräsentiert die Wortgruppe "Mariä Empfängnis" den Aussagesatz "Maria empfängt". Oder vielleicht "Maria wird empfangen"? Also, was nun?
Die Antwort ist sowohl einfach als auch kompliziert:
Rein sprachlich gesehen treffen beide Aussagesätze zu. Kirchlich gesehen bedeutet "Mariä Empfängnis" aber "Maria wird empfangen", also von ihrer Mutter, der Heiligen Anna, und zwar ohne Erbsünde. Der andere Feiertag, an dem es um Mariens eigene Mutterschaft geht, heißt, glaube ich, "Mariä Verkündigung", aber, wie gesagt, ich bin nicht sehr fromm und meine Erinnerungen an den Religionsunterricht sind ein bißchen verblaßt.
Daher will ich die Theologie jetzt wieder den Fachleuten überlassen und mich wieder der Sprache zuwenden.
Ich habe vorher die Begriffe "genitivus subiectivus" und "genitivus obiectivus" erwähnt. Ersterer repräsentiert einen Aussagesatz, der im Aktiv steht, in unserem Beispiel "Maria empfängt", letzterer dagegen einen passiven Satz, "Maria wird empfangen".
Zu Zweifelsfällen bzw. Zweideutigkeiten wie im Marienbeispiel kann es nur kommen, wenn der Genitivkonstruktion ein transitives Verb, also ein Verb, das ein direktes Objekt zu sich nehmen kann, zugrundeliegt. Verb? Wo ist denn in "Mariä Empfängnis" ein Verb zu finden, könnte man sich fragen. Nun, das Wort "Empfängnis" ist im Grunde genommen ein substantiviertes Verb, und dieses Verb, nämlich "empfangen" ist transitiv, weil man sagen kann "jemanden oder etwas empfangen". Eine weitere Folge der Transitivität ist, dass das solche Verben in das Passiv versetzt werden können. Man kann sagen "jemand oder etwas wird empfangen".
Ein Gegenbeispiel wäre "der Schlaf des Schiedsrichters". Hier liegt eindeutig ein genitivus subiectivus vor. Denn "der Schlaf des Schiedsrichters" bedeutet ausschließlich, dass der Schiedsrichter schläft, nicht etwa aber, dass er geschlafen wird. Denn "schlafen" kann kein direktes Objekt zu sich nehmen, kein Passiv bilden, ist deshalb intransitiv und kann nur zu einem genitivus subiectivus führen.
Vielen Dank für Ihr Interesse und einen schönen Tag oder Abend!
Ich persönlich muß mich von dieser multidisziplinären intellektuellen Anstrengung jetzt durch eine Hinwendung zur Fußball-Championsleague erholen. Bis zum nächsten Mal!
Rechtsanwalt Sven Ringhof www.prilaro.de
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen