Wer schon einmal eine slawische Sprache gelernt hat, weiß, dass einem dabei der "Aspekt" des Verbums als zutiefst mysteriöses, eigentlich unverstehbares Arkanum präsentiert wird.
Ähnlich verhält es sich mit dem "Abstraktionsprinzip", mit dem Studierende des deutschen Zivilrechts konfrontiert werden.
Die Lehrenden bauen eine Art prickelnder Erwartungshaltung auf, und das zu Recht!
In diesem Blog will ich mich aber nur mit sprachlichen Phänomenen befassen, deshalb ein paar Anmerkungen zum Aspekt, der mich deshalb so fasziniert, weil diese Verbalkategorie im Deutschen wohl nicht so systematisiert ist wie in den slawischen Sprachen oder auch im Ungarischen. Als Folge der Beschäftigung mit diesen Sprachen gewinnt man dann aber umgekehrt auch bisher ungeahnte Erkenntnisse über das Deutsche. Ich habe vor kurzem irgendwo ein Zitat Goethes gelesen, worin er sinngemäß gesagt hat, dass man seine Muttersprache nicht vollständig erfassen kann, solange man keine Fremdsprachen befaßt. Das kann ich nur bestätigen.
Nun aber zu einem ungarischen Beispiel für ein Aspektpaar, dessen Übersetzung ins Deutsche keinesfalls schematisch erfolgen kann:
éhezik (unvollendet) und megéhezik (vollendet)
Beide bedeuten die Empfindung von Hunger.
Das unvollendete Verb bezeichnet dabei einen Zustand oder fast schon eine Eigenschaft des Subjekts, während das vollendete Verb den punktuellen Eintritt dieses Zustandes ausdrückt.
éhezik wäre also mit hungern, Hunger leiden, Hunger haben o.ä. zu übersetzen, megéhezik wäre dann Hunger bekommen.
Es existiert also kein deutsches Verb, das den Eintritt des Hungergefühls bezeichnen würde, man muß sich daher mit einer Kombination des Substantivs Hunger mit einer Art Phasenverb behelfen. Ich versuche mir vorzustellen, wie ein entsprechendes Verb im Deutschen lauten müßte ... "erhungern" vielleicht.
Jetzt hätte ich noch ein russisches Aspektpaar, das auch eine Empfindung, oder besser gesagt, das Empfinden im allgemeinen ausdrückt, und zwar
чувствовать (unvollendet; ausgesprochen etwa "tschustwawat") und почувствовать (vollendet; ausgesprochen etwa "patschustwawat")
Das unvollendete Verb läßt sich einigermaßen problemlos mit empfinden, fühlen, spüren wiedergeben. Der Aspekt seines vollendeten Partners dagegen entzieht sich der deutschen Sprache ein bißchen. Man könnte vielleicht sagen sich bewußt werden, plötzlich zu fühlen beginnen, aber ich habe, um beim Thema zu bleiben, das "Gefühl", dass diese Formulierungen schon wieder ein bißchen über den russischen Sinn hinausgehen, weshalb auch почувствовать, zum Beispiel in Romanen, meistens einfach nur mit fühlen oder denken übersetzt wird.
Das war´s für heute. Vielen Dank für Ihr Interesse!
Autor: Rechtsanwalt Sven Ringhof www.prilaro.de
Posts mit dem Label Grammatik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Grammatik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Dienstag, 17. August 2010
Dienstag, 8. Dezember 2009
Guten Tag, allerseits!
Die meisten von uns beherrschen nicht nur ihre Muttersprache, sondern auch eine oder mehrere Fremdsprachen. Eine Sprache benutzen zu können heißt aber noch nicht zwangsläufig sie auch optimal einsetzen zu können.
Deshalb erweist sich die Beschäftigung mit Grammatik als überaus lohnende geistige Investition. Denn wer die theoretischen Grundlagen der Sprache durchschaut, kann schneller und effizienter formulieren und bringt darüber hinaus den eigenen Standpunkt deutlicher und eindrücklicher vor.
Deshalb will ich mich heute mit einem Phänomen beschäftigen, das einigen vielleicht noch aus dem Lateinunterricht in Erinnerung ist.
Was mich betrifft, so weiß ich noch so einiges aus dem Lateinunterricht, aber, wie ich heute bei einem Blick in den Kalender feststellen mußte, weniger aus dem Religionsunterricht. Heute, am 8. Dezember wird nämlich das katholische Fest "Mariä Empfängnis" gefeiert, und ich war mir zunächst im Unklaren darüber, ob das bedeutet, dass Maria empfangen hat oder aber dass sie empfangen wurde. Und damit wären wir schon bei unserem heutigen Grammatikthema, nämlich dem sogenannten genitivus subiectivus und dem genitivus obiectivus.
Damit hat es folgendes auf sich:
In bestimmten Fällen verbirgt sich hinter einer Genitivkonstruktion ein Aussagesatz. So repräsentiert die Wortgruppe "Mariä Empfängnis" den Aussagesatz "Maria empfängt". Oder vielleicht "Maria wird empfangen"? Also, was nun?
Die Antwort ist sowohl einfach als auch kompliziert:
Rein sprachlich gesehen treffen beide Aussagesätze zu. Kirchlich gesehen bedeutet "Mariä Empfängnis" aber "Maria wird empfangen", also von ihrer Mutter, der Heiligen Anna, und zwar ohne Erbsünde. Der andere Feiertag, an dem es um Mariens eigene Mutterschaft geht, heißt, glaube ich, "Mariä Verkündigung", aber, wie gesagt, ich bin nicht sehr fromm und meine Erinnerungen an den Religionsunterricht sind ein bißchen verblaßt.
Daher will ich die Theologie jetzt wieder den Fachleuten überlassen und mich wieder der Sprache zuwenden.
Ich habe vorher die Begriffe "genitivus subiectivus" und "genitivus obiectivus" erwähnt. Ersterer repräsentiert einen Aussagesatz, der im Aktiv steht, in unserem Beispiel "Maria empfängt", letzterer dagegen einen passiven Satz, "Maria wird empfangen".
Zu Zweifelsfällen bzw. Zweideutigkeiten wie im Marienbeispiel kann es nur kommen, wenn der Genitivkonstruktion ein transitives Verb, also ein Verb, das ein direktes Objekt zu sich nehmen kann, zugrundeliegt. Verb? Wo ist denn in "Mariä Empfängnis" ein Verb zu finden, könnte man sich fragen. Nun, das Wort "Empfängnis" ist im Grunde genommen ein substantiviertes Verb, und dieses Verb, nämlich "empfangen" ist transitiv, weil man sagen kann "jemanden oder etwas empfangen". Eine weitere Folge der Transitivität ist, dass das solche Verben in das Passiv versetzt werden können. Man kann sagen "jemand oder etwas wird empfangen".
Ein Gegenbeispiel wäre "der Schlaf des Schiedsrichters". Hier liegt eindeutig ein genitivus subiectivus vor. Denn "der Schlaf des Schiedsrichters" bedeutet ausschließlich, dass der Schiedsrichter schläft, nicht etwa aber, dass er geschlafen wird. Denn "schlafen" kann kein direktes Objekt zu sich nehmen, kein Passiv bilden, ist deshalb intransitiv und kann nur zu einem genitivus subiectivus führen.
Vielen Dank für Ihr Interesse und einen schönen Tag oder Abend!
Ich persönlich muß mich von dieser multidisziplinären intellektuellen Anstrengung jetzt durch eine Hinwendung zur Fußball-Championsleague erholen. Bis zum nächsten Mal!
Rechtsanwalt Sven Ringhof www.prilaro.de
Die meisten von uns beherrschen nicht nur ihre Muttersprache, sondern auch eine oder mehrere Fremdsprachen. Eine Sprache benutzen zu können heißt aber noch nicht zwangsläufig sie auch optimal einsetzen zu können.
Deshalb erweist sich die Beschäftigung mit Grammatik als überaus lohnende geistige Investition. Denn wer die theoretischen Grundlagen der Sprache durchschaut, kann schneller und effizienter formulieren und bringt darüber hinaus den eigenen Standpunkt deutlicher und eindrücklicher vor.
Deshalb will ich mich heute mit einem Phänomen beschäftigen, das einigen vielleicht noch aus dem Lateinunterricht in Erinnerung ist.
Was mich betrifft, so weiß ich noch so einiges aus dem Lateinunterricht, aber, wie ich heute bei einem Blick in den Kalender feststellen mußte, weniger aus dem Religionsunterricht. Heute, am 8. Dezember wird nämlich das katholische Fest "Mariä Empfängnis" gefeiert, und ich war mir zunächst im Unklaren darüber, ob das bedeutet, dass Maria empfangen hat oder aber dass sie empfangen wurde. Und damit wären wir schon bei unserem heutigen Grammatikthema, nämlich dem sogenannten genitivus subiectivus und dem genitivus obiectivus.
Damit hat es folgendes auf sich:
In bestimmten Fällen verbirgt sich hinter einer Genitivkonstruktion ein Aussagesatz. So repräsentiert die Wortgruppe "Mariä Empfängnis" den Aussagesatz "Maria empfängt". Oder vielleicht "Maria wird empfangen"? Also, was nun?
Die Antwort ist sowohl einfach als auch kompliziert:
Rein sprachlich gesehen treffen beide Aussagesätze zu. Kirchlich gesehen bedeutet "Mariä Empfängnis" aber "Maria wird empfangen", also von ihrer Mutter, der Heiligen Anna, und zwar ohne Erbsünde. Der andere Feiertag, an dem es um Mariens eigene Mutterschaft geht, heißt, glaube ich, "Mariä Verkündigung", aber, wie gesagt, ich bin nicht sehr fromm und meine Erinnerungen an den Religionsunterricht sind ein bißchen verblaßt.
Daher will ich die Theologie jetzt wieder den Fachleuten überlassen und mich wieder der Sprache zuwenden.
Ich habe vorher die Begriffe "genitivus subiectivus" und "genitivus obiectivus" erwähnt. Ersterer repräsentiert einen Aussagesatz, der im Aktiv steht, in unserem Beispiel "Maria empfängt", letzterer dagegen einen passiven Satz, "Maria wird empfangen".
Zu Zweifelsfällen bzw. Zweideutigkeiten wie im Marienbeispiel kann es nur kommen, wenn der Genitivkonstruktion ein transitives Verb, also ein Verb, das ein direktes Objekt zu sich nehmen kann, zugrundeliegt. Verb? Wo ist denn in "Mariä Empfängnis" ein Verb zu finden, könnte man sich fragen. Nun, das Wort "Empfängnis" ist im Grunde genommen ein substantiviertes Verb, und dieses Verb, nämlich "empfangen" ist transitiv, weil man sagen kann "jemanden oder etwas empfangen". Eine weitere Folge der Transitivität ist, dass das solche Verben in das Passiv versetzt werden können. Man kann sagen "jemand oder etwas wird empfangen".
Ein Gegenbeispiel wäre "der Schlaf des Schiedsrichters". Hier liegt eindeutig ein genitivus subiectivus vor. Denn "der Schlaf des Schiedsrichters" bedeutet ausschließlich, dass der Schiedsrichter schläft, nicht etwa aber, dass er geschlafen wird. Denn "schlafen" kann kein direktes Objekt zu sich nehmen, kein Passiv bilden, ist deshalb intransitiv und kann nur zu einem genitivus subiectivus führen.
Vielen Dank für Ihr Interesse und einen schönen Tag oder Abend!
Ich persönlich muß mich von dieser multidisziplinären intellektuellen Anstrengung jetzt durch eine Hinwendung zur Fußball-Championsleague erholen. Bis zum nächsten Mal!
Rechtsanwalt Sven Ringhof www.prilaro.de
Dienstag, 1. Dezember 2009
Herzlich willkommen!
Herzlich willkommen, liebe Leserinnen und Leser!
In diesem Blog möchte ich mich mit dem Thema Sprache beschäftigen.
Es sollen verschiedene Sprachen sowie verschiedene Aspekte, zum Beispiel, Grammatik, Stilistik u.v.m. erörtert werden.
Als Jurist interessiere ich mich besonders für dieses Thema, denn was ist Recht anderes als in Worte gegossene (Staats-)Gewalt?
Mehr von mir und über mich finden Sie hier:
www.prilaro.de
http://zapadong.blogspot.com
In diesem Blog möchte ich mich mit dem Thema Sprache beschäftigen.
Es sollen verschiedene Sprachen sowie verschiedene Aspekte, zum Beispiel, Grammatik, Stilistik u.v.m. erörtert werden.
Als Jurist interessiere ich mich besonders für dieses Thema, denn was ist Recht anderes als in Worte gegossene (Staats-)Gewalt?
Mehr von mir und über mich finden Sie hier:
www.prilaro.de
http://zapadong.blogspot.com
Abonnieren
Posts (Atom)
